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Schlangenöl-Patchkabel: Für $ 10.000

Mit Schlangenöl konnte man ja schon immer viel Geld machen. Bei digitaler Technik ist das natürlich ganz besonders dreist, denn Bitfehler werden erkannt und vor Auswertung korrigiert. Das Unwissen darüber scheint sich AudioQuest nun  bei Patchkabeln zu Nutze zu machen und streut sogar noch Desinformation mit ein.

Die falschen Thesen

Es folgt nun eine Analyse, was Audioquest so behauptet. Die Daten sind im Webarchiv noch einsehbar.

Aus den Merkmalen

Shielded – eine ganz unspektakuläre Eigenschaft. Jedes Patchkabel muss sowieso mit einer Folie geschirmt sein, um Nebensprechen zu mindern. Kein besonderes Qualitätsmerkmal. Üblich ist S/FTP (Shieled Foiled Twisted Pair).

100% Silber – Für besonders gute Leitfähigkeit wird hier Silber verwendet. Die Konduktivität von Silber liegt laut Wikipedia bei 61,36*106 Siemens/Meter. Die von Kupfer allerdings auch nahezu. Ein spürbarer Vorteil ist bei diesen Dimensionen aber nicht zu erwarten.

Silber-bedampfte Stecker – das ist natürlich sehr wichtig, da uns ja auch dauernd die Plastikstecker korrodieren. [/Ironie].

High-Speed 100 MBit/s – Lächerlich, sich damit zu rühmen. Jedes billige Patchkabel Cat5e erreicht locker 1000MBit/s. Ein wahrhaftiges Armutszeugnis.

Direktional – Der  größte Blödsinn, den ich seit langem gelesen habe. Wie ibitte soll ein KupferSilberkabel ausschließlich oder wenigstens bevorzugt in eine Richtung leiten? Werden die Atome einzeln gedreht? Wohl kaum. Außerdem würde bei einem unidirektionalen Kabel wohl kaum der Upload funktionieren, man könnte also die Audiodatei nicht einmal vom Server anfordern.

Oder man müsste sich gleich zwei Kabel kaufen, eines für den Up-, und eines für den Download. Damit einher geht eine zweite Netzwerkkarte. Aber bitte auch aus Silber!

Aus dem Fließtext

[…] complete plug redesign, opting for an ultra-performance RJ45 connector made from silver with tabs that are virtually unbreakable. The plug comes with added strain relief and firmly lock into place ensuring no critical data is lost.

Ein unzerbrechlicher Stecker? Sehr interessant. Mir selbst ist noch nie ein RJ45-Stecker kaputt gegangen. Zugegeben, die Nase bricht schnell ab. Das liegt aber an der geringen Materialstärke, die auch aus Silber nicht viel höher sein kann. Darüber hinaus sieht man auf den Bildern, dass genau dieses Bauteil aus Plastik besteht.

Über strain relief (dt.: Zugentlastung) kann man nur Rätseln. Wo auf dem Stecker soll denn bitte eine Last sein? Nur auf der Nase. Okay, die drückt man indirekt hinunter. Aber das haben andere Kabel auch.

Der größte Witz ist, dass der besonders feste Halt Datenverlust vermeiden soll. Fest genügt sitzen dafür auch andere Stecker – entweder ist der Kontakt vollflächig da, oder nicht. Ein festerer Sitz erhöht die Leitfähigkeit nicht und mindert auch den Datenverlust nicht. Sollte es doch zu Datenverlust kommen, dann eher durch Nebensprechen. Da die Übertragungsprotokolle (zumeist TCP/IP) aber Fehlerkorrektur eingebaut haben, und das Abspielprogramm immer etwas Musik im Vorraus lädt, kriegt man von einem Datenverlust sowieso nichts mit.

You get an increasingly large sound picture as you move up the line, greater differentiation between sonic elements[…]

Damit ist auch diese Behauptung entlarvt. Da die Daten immer fehlerfrei im Vorraus geladen werden, kann sich der Höreindruck technisch gar nicht verändern. Spielt man über z.B. Napster ein Musikstück ab, ist es bereits nach wenigen Sekunden komplett heruntergeladen und im Speicher, inklusive allen korrigierten Bitfehlern.

Selbst wenn das Kabel eine Auswirkung hätte, dann sicher keine Differenzierung zwischen akustischen Elementen: fehlende Bits, Bitfehler oder geringere Datenraten wirken sich eher durch ein Klingeln aus. Dazu müsste die Datenrate aber bei modernen Codecs auf weit unter 64kbit/s, z.B. 16-24kbit/s sinken. Das ist unrealistisch, zumal die Datei wie bereits erwähnt wohl sowieso bereits im Cache liegen dürfte.

Solid 100% Silver Conductors

Sollten die Silberadern im Kabel tatsächlich „solid“ im Sinne von starr sein, kriegt man schnell ein Problem: Es ließe sich nicht gut um Kurven legen, da es brechen könnte. Das würde tatsächlich für einen ordentlichen Datenverlust sorgen! 😉

Abschließende Überlegungen

Wenn das Kabel direktional ist, dann müsste konsequenter Weise der Verkauf mit einem zweiten Kabel für den Upload erfolgen. Eine zweite Netzwerkkarte aus Silber könnte man gleich mitverkaufen.

Was mich erschreckt, ist, dass sich Händler überhaupt trauen, so etwas anzubieten. Das Problem an der Sache ist eigentlich eher der Beschreibungstext: Meinentwegen sollen sich die Leute teure, versilberte Kabel kaufen. Dann aber bitte aus eigener Dummheit, und nicht wegen blanken Lügen im Verkaufsprospekt.

Published inInternetseiten vorgestelltMusik

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